Der STI-Kongreß 2021

Mein persönlicher Bericht zum STI-Kongreß 2021

Es war für mich das erste Mal, daß ich den STI-Kongreß verfolgen durfte. Es war auch die erste Sitzung, die digital stattfand. Die digitale Lösung fand ich super und war gespannt, was mich erwartet.

Freitag verlief für mich etwas anstrengend, da sehr viele Informationen über mir einbrachen. Dazu kam noch, daß es mein erster wissenschaftlicher Kongreß war und ich mich noch nicht so richtig im Thema befand.

Aber als Samstag das Thema „Sexarbeit in Zeiten von Corona“ kam, stellte ich fest, daß ich hierbei zu 100 Prozent im Thema war, da ich ja aus der Branche komme. Deswegen möchte ich nun hier darüber berichten.

Der Vortrag wurde von Madame Kali gehalten, einer mir persönlich bekannten Kollegin.

Sexarbeit ist nach fast allen Corona-Verordnungen jetzt schon beinahe über ein Jahr überall verboten. Es ist ein langer Kampf, um Gleichberechtigung (durch Demos), mit anderen körpernahen Dienstleistungen, so daß wir im Sommer/Herbst 2020 für acht Wochen unsere Arbeit wiederaufnehmen durften. Betreiber mußten klagen und wir Sexarbeiter gingen für unsere Rechte auf die Straße.

Aber auch wenn die Sexarbeit in der restlichen Zeit verboten ist und war, findet und fand sie immer statt. Dies auch weil viele durch das staatliche Hilfe-Raster gefallen sind und fallen.

Illegalität bedeutet leider auch Gefahr für die Sexworker-Gemeinschaft. Die Anfragen der Kunden sind immer noch da und manche Sexworker gehen aus der Not heraus auf Angebote ein, die sie sonst abgelehnt hätten. Ein Beispiel dafür ist, daß die Nachfrage nach Sex ohne Schutz gestiegen ist und auch daß Sexworker in dunkeln Bereichen der Sexarbeit nachgehen, und so ebenfalls leichter in Menschenhandel verstrickt werden können.

Was auch sehr traurig war und weiterhin ist, daß einige Politiker und Prostitutionsgegner die Krise zum Anlaß genommen haben, ihre Verbotsforderungen wieder lautstark zu postulieren und durchzusetzen. Obwohl man gerade unter Corona sieht, daß die Lage sich verschlimmert, statt daß sie besser würde.

NRW hat im Herbst die Kampagne „Exit“ ins Leben gerufen. Ich habe mir diese Kampagne mal genauer angeschaut und habe festgestellt, daß Madonna aus Bochum nicht beteiligt wurde, obwohl sie mit ihren Erfahrungen wichtig gewesen wären. Statt dessen wird SOLWODI aufgeführt und zu Rate gezogen, obschon man weiß, daß SOLWODI nicht wirklich die Seite der Sexworker vertritt.

Auch die Bilder, die für diese Kampagne gewählt wurden, geben eher das Opfer-Narrativ zum Ausdruck. Hier fehlt mir das „Empowerment“.

Es wäre schöner, uns zu stärken, als uns in die Opferrolle zu stecken.

Eine weitere Kampagne tat sich auch in Stuttgart auf. SISTERS bekam von der Stadt Stuttgart 50’000 Euro, um diese Kampagne umzusetzen. Was mich sehr bestürzte, ist daß ein großes Plakat am Rathaus in Stuttgart hing, mit der Aufschrift „Rotlicht aus“. Wenn Sexarbeit in der Illegalität stattfindet, dann sieht man doch gerade in der Krisenzeit wohin das führt. Ich frage mich, sehen unsere Gegner das nicht oder wollen sie es nicht sehen?

Nun habe ich wohl genug negative Sachen und Kampagnen berichtet, die uns nicht so richtig helfen.

Der BesD (Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen e. V.) hat einiges geleistet, um Sexworkern in der Not zu helfen. Er hat einen Nothilfefond ins Leben gerufen, um die Menschen die in Not geraten sind finanziell zu unterstützen. Auch viele Beratungsstellen riefen Spendenaufrufe ins Leben, um Sexworkern in Not zu helfen, und boten Hilfesysteme an.

Der BesD setzt sich für die Rechte und für bessere Arbeitsbedingungen ein. Er lebt alleine von Spendengeldern und Mitgliederbeiträgen, und ist mittlerweile der größte Verband in Europa.

Zur Wiedereröffnung der Bordelle im Spätsommer 2020 entwickelte der Verband in Zusammenarbeit mit Gesundheitsämtern eigene Hygienekonzepte. Und wir werden zur Anhörung 2021 zum Thema Sexarbeit im Landtag NRW als Experten geladen.

Der BesD setzt sich überdies dafür ein, daß jeder Sexworker die Möglichkeit hat, eine Corona-Impfung zu erhalten und natürlich auch gegen ein generelles Sexkaufverbot.

Als Sexworker fühle ich mich dem Verband sehr nahe und bin glücklich, ihm beiwohnen zu dürfen. Der Austausch ist wichtig und auch wenn wir vielfältig sind, aus verschiedenen Bereichen der Sexworkergemeinschaft kommen, so haben wir doch ein gemeinsames Ziel: Wir wollen legal unseren Beruf ausüben können! Das eint uns, wir kämpfen gemeinsam dafür, vom Straßensexworker bis hin zum „High Class Escort“.

Nach dem Vortrag kam noch ein Interessanter Vortrag, der mich an meine Zeit auf dem Straßenstrich in Köln erinnerte.

Gehörlose Menschen! Ich selbst habe auf der Straße Kolleginnen kennengelernt, die gehörlos waren. Ich konnte mich nur ab und zu auf den Vortrag konzentrieren, da ich immer wieder daran denken mußte oder mich selbst hinterfragt habe, wie ich damals mit meinen Kolleginnen umgegangen bin. Ich war sehr erstaunt und fand es interessant, als man uns berichtete, daß es in der Gebärdensprache keine Zeichen für manche Geschlechtsorgane oder Krankheiten gibt. Ich finde das ein sehr wichtiges Thema und ich hörte es zum ersten Mal. Ich möchte in diesem Zusammenhang sagen, daß wir uns, und auch die Gesellschaft allgemein, mehr mit diesem Thema auseinander setzen sollten.

Ich bin Nicole Schulze, Sexworkerin von der Straße, und ich hoffe, mein Bericht über den STI-Kongreß hat Ihnen gefallen. Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie mehr über unsere Arbeit und mehr über den BesD erfahren möchten. Gerne können Sie mich hier direkt kontaktieren.

Ich freue mich auf den Austausch!

Ihre Nicole Schulze

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